Von den Urwurzeln des Bolschewismus

Von Oskar Koch

Vor einiger Zeit gab der Königsberger Vor- und Frühgeschichtler Prof. Dr. Bolko Freiherr von Richthofen unter dem Titel "Bolschewistische Wissenschaft und Kulturpolitik" (im Ost-Europa-Verlag, Königsberg/Ostpr.) ein Sammelwerk heraus, in dem unter eigener Mitarbeit dieses Forschers eine Reihe namhafter in- und ausländischer, meist emigrierter russischer Gelehrter nach einwandfreien Quellen ausführlich über den derzeitigen Stand ihrer - in der Hauptsache geisteswissenschaftlichen - Fachgebiete im heutigen Sowjet-Rußland berichten. So ist hier auf streng wissenschaftlicher Grundlage ein Werk entstanden, das einen ausgezeichneten, in solcher Weise bisher noch nicht gebotenen Überblick über die verheerenden Auswirkungen der marxistischen Lehrsätze auf die verschiedenen Gebiete der Wissenschaft und des Lebens gibt. Zugleich kennzeichnet das Buch die im Entstehen begriffene neue bolschewistische "Wissenschaft", wie sie im Übergang vom mechanistischen zum dialektischen Materialismus seit etwa zehn Jahren unter stärkstem staatlichen Druck zu einem "kulturpolitischen" Kampfmittel für die Durchsetzung der weltrevolutionären Ziele der Kommunistischen Internationale immer umfassender ausgebaut wird. Was uns in diesem Rahmen besonders fesselt, sind die geistigen Grundlagen des Bolschewismus und seine ideengeschichtlichen Voraussetzungen. Ganz klar und eindeutig hat - wie es schon in der Natur seines Aufsatzes "Bolschewistische Wissenschaft und Judentum" liegt - einmal (S. 315) Richthofen selbst die geistige Lage gezeigt, die die Entstehung der marxistischen Lehren und ihre pseudo-wissenschaftliche Begründung erst ermöglichten: "Die materialistische Geschichtsauffassung enthält durch K. Marx in besonderer Form zum Teil abgeänderte und verjudete Gedankengänge des Philosophen Ludwig Feuerbach. Die Urwurzeln dieser heute im Bolschewismus die Herrschaft über die ganze Welt beanspruchenden jüdischen Denkart gehen zum Teil auf die bürgerliche Geistigkeit Westeuropas der Zeit vor dem Wirken von Karl Marx zurück." Hier wird von geisteswissenschaftlicher Seite auf ideengeschichtliche Zusammenhänge hingewiesen, die aufzuzeigen die Theologie in den letzten zwanzig Jahren nicht müde geworden ist. Prof. von Richthofen hat sich freilich - das mag in der Fragestellung seiner Arbeit begründet sein - mit diesem Hinweis begnügt und die hier angedeutete Linie nicht weiter verfolgt. Daß hier aber tatsächlich Zusammenhänge von größter Tragweite vorliegen, wird sogleich deutlich, wenn man erwägt, welche Stellung Feuerbach in der Geschichte des modernen Denkens einnimmt.

Man kann als das alles andere erst bedingende Zentrum der Feuerbach'schen Gedankenwelt wohl die Tatsache bezeichnen, daß dieser Theologe, der sich später ganz von der Theologie ab- und ausschließlich der Philosophie zuwandte, um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts das Wesen der Religion darin gefunden zu haben glaubte, daß nicht Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe, sondern vielmehr umgekehrt der Mensch aus seinem Selbsterhaltungstrieb heraus sich Gott nach seinem Bilde schaffe, damit er ihm seine Bedürfnisse stillen, seine Interessen schützen und seine Ideale verwirklichen helfe. Damit nun enthüllt sich Feuerbach gewiß als typischer Vertreter jener "bürgerlichen Geistigkeit Westeuropas der Zeit vor dem Wirken von Karl Marx". Aber man verstünde ihn und seine Stellung in der Geschichte des modernen Denkens doch nicht voll, wenn man ihn nur als den klassischen Vertreter jenes im übrigen bekanntlich ja nie aussterbenden Bildungsphilistertums auffassen wollte, das zwar der Überzeugung ist, daß die Religion "dem Volk" erhalten bleiben müsse, das aber selbst nur glauben kann, was es sieht und schmeckt, und dem alles, was darüber hinausgeht, auf "Einbildung" beruht. Die symptomatische Bedeutung dieses Philosophen besteht in Wirklichkeit viel mehr darin, daß er - zwischen Hegel und Marx stehend - zum ersten Male ganz eindeutig die letzten Folgerungen aus jener geistigen Grundhaltung gezogen hat, die sich in der Geschichte des modernen Denkens, wenn auch im Anfang ihren Trägern selbst noch unbewußt, schon seit den Tagen des Humanismus und des Wiedertäufertums anbahnte. Was sich im Zusammenhang mit der Wiederentdeckung der heidnischen Philosophen und dem Mißverstehen der Luthertat durch das Schwärmertum erst leise ankündigte und dann bald neue Nahrung gewann durch die Schlüsse, die man aus der ungeahnten Erweiterung unseres Weltbildes und dem Aufblühen der Naturwissenschaften glaubte ziehen zu müssen, was man insbesondere seit dem Zeitalter der Aufklärung und der französischen Revolution in der Philosophie mit immer stärkerer Entschiedenheit forderte: die Autonomie, d.h. die völlige Eigengesetzlichkeit des menschlichen Denkens, sie ist hier, bei Feuerbach, endgültig vollzogen. Das Denken und damit das Bild des Menschen wird hier in seinem Wesen und in seiner Wirklichkeit nicht mehr bestimmt durch das Du seines Schöpfers, der das nach seinem Bilde geschaffene Geschöpf durch sein lebendiges Wort aus seiner Gefallenheit von neuem zu seiner Ebenbildlichkeit beruft, sondern der autonome Menschengeist ist - wie es scheinen mochte: endgültig - an die Stelle Gottes getreten und das Geschöpf schafft sich umgekehrt sein Gottesbild. Das heißt aber, daß für dieses Denken Gott in Wirklichkeit zu einer höchst wandelbaren, unter Umständen freilich auch recht brauchbaren Illusion geworden ist. Tatsächlich wir nach dieser Lehre - und diesen letzten Schluß hat bereits Feuerbach selbst noch aus ihr gezogen - das Denken des Menschen und damit das Menschenbild allein bestimmt durch das rein Diesseitige, das sinnlich Gegebene, die Materie. Das höchste Ziel aber ist das materielle Wohlergehen der Menschheit, das durch die Beherrschung der Materie auf dem Wege der Erfahrung erreicht wird.

Hatte die fortschreitende Erkenntnis der Schöpfung etwa einen Kopernikus oder Kepler noch zu dem Lobpreis des Schöpfers geführt, so wurde also im Ganzen genommen, die sich über Jahrhunderte erstreckende geistige Entwicklung der Neuzeit dem Menschen immer mehr zur Versuchung, sein zu wollen wie Gott, einer Versuchung, der das moderne Denken in der Philosophie Feuerbachs endgültig erlegen ist. Nun sind aber die Gedankengänge dieses Philosophen, worauf auch Richthofen hingewiesen hat, genau die Stelle, an der die vom Haß der Verneinung diktierte materialistische Klassenkampftheorie des Juden Karl Marx unter dem ihr von solchen Lehren selbst dargebotenen Schein von Wissenschaftlichkeit in das moderne Denken einbrechen konnte. Mit anderen Worten: jene letzen Konsequenzen, die Feuerbach gewissermaßen noch in der Form unverbindlicher akademischer Diskussion aus der Entwicklung des modernen Denkens glaubte ziehen zu müssen, und mit denen dieses Denken erst recht eigentlich der Versuchung des "Ihr werdet sein wie Gott" erlag, wuchsen sich unter der Hand von Karl Marx nur zu bald zu jenem "dialektischen Materialismus" aus, so zu der "bösen und vernichtenden Lehre eines heimatlosen Volkes" werdend, "deren Ziel Verwüstung und Zerstörung der ganzen gegenwärtigen Kutlur ist". (Andrei Russinow, "Die große Täuschung", Hesse & Becker.)

Erst wenn man diese inneren Zusammenhänge zwischen dem modernen Denken und dem Marxismus in ihrer ganzen Tiefe erfaßt hat, steht man wirklich vor den Wurzeln des Bolschewismus. Hier wird dann aber auch erkannt, daß in dem, was sich seit über zwanzig Jahren in Sowjet-Rußland unter unzähligen Menschenopfern vollzieht, die Geschichte selbst eine ganz eindeutige Antwort auf die, man darf wohl sagen entscheidende, Grundfrage alles Menschentums erteilt hat. Sie zeigt in dem ungeheuren Experiment des Bolschewismus, daß das Ergebnis jener Lehre in Wirklichkeit nicht das "Wohlergehen der Menschheit", geschweige denn das vom Marxismus versprochene "Paradies auf Erden" zu sein vermag, sondern nur die völlige Zerstörung des Menschenbildes. Nicht Befriedung, sondern Haß, nicht Aufbau, sondern Vernichtung, sowohl auf wirtschaftlichem als auf geistigen Gebiet, nicht geordnetes Zusammenleben, sondern Zerrüttung aller zwischenmenschlichen Beziehungen, nicht Freiheit, sondern geistige und seelische Vergewaltigung, das sind, wie es das genannte Sammelwerk erneut höchst eindringlich zeigt, in Wahrheit die Auswirkungen einer Lehre, in der der Mensch glaubte, Gott für eine Illusion erklären und sich an die Stelle des Schöpfers stellen zu können.

So bedeutet im Letzten diese Antwort der Geschichte für den, der sehen will, die gewaltige und furchtbare Lehre, daß auch dort, wo der Mensch, wie heute in Sowjet-Rußland, Gott für "tot" erklärt, Gott in Wahrheit der Ewig-Lebende bleibt. Nicht Gott wird zu einer Illusion, wo sich er Mensch gegen ihn entscheidet, sondern das Bild des Menschen verfällt der Zerstörung. Denn das Gechöpf, das sich gegen Gott entscheidet, bleibt auch dann noch gebunden an seinen Schöpfer. Gebunden aber nun freilich nicht mehr in der Liebe, sondern im Haß, in der Verneinung, im luziferischen Vernichtungswillen gegen Gott und alles, was von ihm stammt und was sich zu ihm bekennt. Darum auch der tödliche Haß des Bolschewismus gegen alle Religion und gegen alle gottgewollten Beziehungen des Menschen in Ehe und Familie, in Rasse und Volkstum. Darum aber auch sein fanatisches Streben, selbst Religion sein zu wollen und mit allen Mitteln die Herrschaft über die ganze Welt zu gewinnen. Denn hier geht es im Letzten um die Herrschaft Gottes oder seines Verneiners. Und nur wenn auf dieser Erde kein Mensch mehr um Gott und sein lebendiges Wort wüßte, vermöchte der aus dem Raub an Gott lebende Geist der Verneinung, der aus Eigenem nicht zu schaffen vermag, sich selbst als der Schöpfer auszugeben, ohne entlarvt zu werden.

Wer so die Urwurzeln des Bolschewismus erst einmal erkannt hat, der weiß dann aber auch, daß und warum jede Art Demokratie zu seiner klaren Wesenserkenntnis und damit zu seiner Überwindung unfähig ist. Denn die ideologischen Grundlagen, durch die sie selbst in ihrem Wesen entscheidend bestimmt wird, sind ja in Wirklichkeit die gleichen: das moderne autonome Denken der Aufklärung und der französischen Revolution. Man kann darum geradezu sagen, daß der Bolschewismus der zwar entartete, aber durchaus legitime Sohn der demokratischen Denkweise ist. Hier wird schließlich auch klar, daß eine wirkliche Überwindung des Bolschewismus von innen heraus überhaupt nur dort möglich ist, wo der Mensch im Gegensatz zum modernen autonomen Denken sich wieder seiner Geschöpflichkeit bewußt wird und von neuem beginnt, nach dem Willen Gottes, seines Schöpfers, zu fragen. Er wird dann freilich auch nicht an dem vorübergehen können, der sich selbst als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnen und von sich sagen durfte: "Meine Lehre ist nicht mein, sondern des, der mich gesandt hat. So jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede."

Quelle: Weiße Blätter, Mai/Juni 1939

   
 
 
 
 
 
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