| Stimmen und Urteile: Über den Sinn der Heiligsprechung des Großen Karl |
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Über den Sinn der Heiligsprechung des Großen Karl brachte die gleiche Zeitung in ihrer Beilage vom 27. Januar, Nr. 28, einen Aufsatz von Dr. Gustav Aengenheyster, der gleich den Ausführungen Ricarda Fuchs in diesem Hefte einen beachtenswerten Beitrag zur Geschichte dieser vielumstrittenen Epoche liefert: Die Größe dieses ersten Kaisers des ersten Reiches der Deutschen besteht vor der Geschichte und hat auch den Angriff unserer Tage gegen den Sachsensieger bestanden. Denn das Reich aus vielen Stämmen ließ sich nicht ohne Blut zusammenfügen. Aber durfte deshalb die Kirche diesen Mann, der sich wider das Wesen des Christentums, zum Schwerte Gottes aufwarf und die Frohbotschaft des Evangeliums mit eiserner Zunge predigen ließ, unter ihre Heiligen aufnehmen? Zumal er auch sonst sein wildes Blut wallen ließ, wie seine reckenhafte Sinnlichkeit und sein drängendes Herz es mochten? Diese christliche Frage ist nicht erst von heute. Nach seinem Tode hat man sich schon bald darüber Gedanken gemacht, ob zu ihm oder für ihn zu beten sei. Eine zeitgenössische Vision sah den toten Kaiser in einer Höhle gefesselt und von einem nagenden Tier gequält. Als ob sie sich gefürchtet hätten vor der entseelten Hülle, hatten die Franken ihn noch am Tage seines Todes im Aachener Münster beigesetzt. Jahrhunderte vergingen, bis Barbarossa und sein Kanzler Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln, im Januar 1166 durch den Gegenpapst Paschalis III. die Gebeine des toten Karl erheben und ihn heiligsprechen ließen. Aus keinem anderen Grunde, als um ihre Politik gegen den rechtmäßigen Papst Alexander III. zu stützen. Das Bild Karls war damals längst geformt von der Sage und der Kaisermystik, niemand dachte daran, damit seine "Verdienste" um die blutige Sachsenpolitik anzuerkennen. Die römische Kirche hat diese Heiligsprechung desavouiert, noch heute ist Karl nicht in das Martyrologium, das offizielle Verzeichnis der Heiligen, aufgenommen. Nur in der Stadt Aachen darf sein Fest - es kehrt in diesen Tagen, am 28. Januar, wieder - nach uraltem Brauch begangen werden; das Bistum Osnabrück feiert ihn als seinen Begründer. Die Kirche kann sein Fest dulden, auch wenn sein persönliches Leben, die Elementarkraft seines ganzen Wesens, nicht völlig durchformt worden war vom Christentum. Sein Tod war christlich. Er empfing die Wegzehrung und sang dann leise mit geschlossenen Augen, abgewandt gleichsam von dieser Welt, und der kommenden innerlich sich ganz hingebend die Worte: "Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist." Und dennoch ist die Tatsache, daß einige deutsche Kirchen ein Fest des Heiligen Karl feiern dürfen, mehr als die Duldung von etwas, was besser nicht wäre. Der deutsche Kaiser des Mittelalters hat eine lebenswichtige Funktion in jedem Ineinander von Staat und Kirche, in dem sich das Reich Christi verwirklichte und das kommende Reich Gottes vorgezeichnet war. Heinrich der Heilige ist nicht Heiliger wie ein Bürger oder Bauer, sondern als geweihter Amtsträger für die Christenheit. Auch Karl ist Heiliger nicht im Hinblick auf seine Individualität, sondern als der Kaiser des heiligen Reiches. Die Kaiseridee an sich besagt auch für die Heiden schon heilige Herrschaft und göttlichen Segen. Die Kirche ließ die Krone, mit der Karl zum Kaiser gekrönt wurde, während der Messe auf dem Altar neben dem Leib des Herrn Segen empfangen. Sie salbte ihn und gab ihm geistliches Gewand; in der Kaiserkrone ist bis zum Schluß der Rest einer Mitra (die Hörner der Mitra standen seitlich, zwischen ihnen ging der Bügel der Kreuzeskrone hindurch) sichtbar gewesen; das Kaiseramt galt als laikale Analogie des Bischofsamtes, auch der aiser war Mitdiener am Evangelium, wie er denn auch in der Weihnachtsmesse des Papstes mit bankem Schwerte das Evangelium zu singen hatte: "Es ging ein Befehl aus vom Kaiser Augustus ..." Im deutschen Kaisertum war das Religiöse (nicht ethisch, sondern in seinem eigensten Wertcharakter gemeint), das Heilbringende der Königsidee überhaupt, aufgenommen und eingeordnet in das Christliche, war dienstbar geworden der Verwirklichung des Reiches Gottes. Als Schirmherr der Kirche und als Hort der wahren Gerechtigkeit vollzog Karl seinen sakralen Kaiserdienst. Als Richter und Herrscher vertrat er das Recht, nicht im Sinne einer bloßen Nützlichkeitsmaßnahme, sondern insofern es aus der Hand Gottes kommt. Gerade an Karl zeigt sich die seelische und menschliche Vertiefung sittlichen Empfindens, die sittigende Kraft des Christentums an ungebrochen deutschem Wesen; dürfen wir darüber rechten, daß es Granit und nicht Marmor war, daraus seine Gestalt im Christentum wachsen mußte? Sein heiliges Amt und sein heiliger Dienst für das Reich Gottes machen ihn über die individuelle Unzulänglichkeit, der alle Heiligen mehr oder weniger ihren Tribut zahlen mußten, verehrungswürdig besonders für den christlichen Deutschen, der sich zum Reiche als zu einer mehr als bloß weltlichen Gegebenheit bekennt. Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Februar 1935 |