| Stimmen und Urteile: Nochmals: Karl der Große! |
|
Unsere Beiträge zu diesem Thema im Februarheft der "W. B." haben bei unseren Lesern einen so starken Widerhall gefunden, daß wir glauben, folgende Zusammenstellung aus Nr. 4 der Zeitschrift "Der Aufrechte" bringen zu sollen: Die Sache Karl der Große contra Sachsenherzog Widukind wird heute mit einer Lebhaftigkeit verhandelt, daß man meinen könnte, es handle sich um einen Vorfall von gestern Abend. Der Lärm hat nun auch die Geschichtswissenschaft mobil gemacht, und man hat wieder einmal nachgeschaut, wie sich denn die tatsächlichen Vorgänge damals, also vor reichlich 1100 Jahren, abgespielt haben. Es mag immerhin zur willkommenen Klärung beitragen, einige Stimmen dazu hier anzuführen. Gemeinsam ist ihnen allen, daß sie den politischen Charakter der Handlugsweise Karls betonen. Der Geschichtslehrer Professor Helmut Lothar ("Neugermanische Religion und Christentum", Bertelsmann, Gütersloh) weist auf das damalige unentwirrbare Durcheinander von Religion und Politik hin. Das Verdener Blutbad, führt er u.a. aus, mag man Karl persönlich und als Christ vorwerfen, zur sächsischen Christenpolitik Karls stehe es jedoch überhaupt nicht in Beziehung. Es handle sich um einen Racheakt Karls für den mannigfachen Treubruch der Sachsen, die nun bereits viermal ihren Treueschwur gebrochen hatten. Es handele sich andererseits um einen politischen Akt gegenüber den beiden Parteien der Sachsen, nämlich um eine Schwächung der Widerstandspartei und Stärkung der "fränkischen" Partei unter den Sachsen. Diese "fränkische" Partei war es, die kampflos die 4500 Führer (diese Zahl wird von manchen Gelehrten überhaupt bezweifelt!) an Karl auslieferte. Dieses Blutbad habe mit der Christianisierung an sich überhaupt nichts zu tun. In einer eigenen Untersuchung behandelt Privatdozent Dr. Martin Lintzl (Halle) die Frage "Der sächsische Stammesstaat und seine Eroberung durch die Franken" (Verlag Ebering, Berlin). In einer Besprechung sagt die "Kreuz-Zeitung" (209): "Erwägt man die Möglichkeit eines sächsischen Königreiches unter Widukind, das zudem nicht von Franken, sondern von dem stammverwandten England christianisiert worden wäre, so wird man Lintzl recht geben müssen, wenn er sagt, daß der sächsische Stamm im Begriff war, einen Weg zu gehen, der ihn vermutlich von dem der anderen deutschen Stämme weit ab geführt hätte. Der schmerzhafte Zusammenprall mit dem Christentum, der die germanischen Stämme erst zum deutschen Volk gemacht hat, hätte in diesem Falle nicht bindend, sondern trennend gewirkt. Wenn also auf die edle Persönlichkeit Widukinds als nationalen und sozialen Führer durch diese Untersuchung neues Licht fällt, so wird man andererseits nicht verkennen, daß Karl der Große durch die Eingliederung der Sachsen in sein Reich die Vorbedingung für die Bildung eines deutschen Staates und einer deutschen Nation geschaffen hat. Er hat gewissermaßen eine Vorwegnahme der späteren welfischen Doppelherrschaft über Sachsen und die Angelsachsen in einem Augenblick verhindert, in dem sie vielleicht die endgültige Zerreißung der norddeutschen Tiefebene bedeutet hätte. Man sollte es, wie uns scheint, vermeiden, die Geschichte nachträglich zu moralisieren. Gerade in einem Augenblick, indem wir die Kräfte und die Reichstradition Widukinds und Karls des Großen in uns spüren, muß auch eine Geschichtsauffassung möglich sein, die beide Männer und ihr Werk als unverlierbare Glieder unserer Geschichte zu ihrem Recht kommen läßt." Auch Geh.-Rat Rud. Böhmer (Vorkämpfer des deutschen Kolonialisations- und Siedlungsgedankens) betont in der Berliner "Deutschen Zukunft" (12. 8.) den ausgesprochen politischen Charakter der Maßregeln Karls. Es sei zweifelhaft, ob sich dann der Ordensstaat in Preußen zu einem deutschen Gebiet hätte entwickeln können. "Man muß somit sagen: man kann nicht Karl den Großen ablehnen und gleichzeitig Ostpolitik bejahen. Ohne Karl den Großen wäre eine deutsche Ostkolonialisation gar nicht möglich gewesen. Dann erscheint das Blutbad von Verden aber in einem ganz anderen Licht. Dann erscheint es als eine der Maßregeln, durch die das deutsche Volk zusammengeschmiedet, Stammeswiderstand gegen Interesse des Ganzen gebrochen worden ist. Nach allem, was wir von den Sachsen wissen, gab es aber keinen anderen Weg, sie mit den anderen Stämmen zum deutschen Volk zusammenzuschweißen, als den, den Karl der Große gegangen ist. Wir können daher dem Mute und der Zähigkeit alle Anerkennung zollen, mit denen sich die Sachsen gegen Karl den Großen gewehrt haben, aber wir dürfen diesen nicht als Sachsenschlächter ächten." In der Monatsschrift "Zeitwende" untersuchte Professor D. Dr. Justus Hashagen das "Werk Karls des Großen". Er kam zu der folgenden Bewertung der kulturpolitischen Leistung der Leistung des karolingischen Herrschers: "Politik ist die Kunst des Möglichen, und sie kann nur bewertet werden nach dem Erfolg. Das gilt auch von der Kulturpolitik. Wenn man das auf die kulturpolitische Leistung Karls des Großen anwendet, so gelangt man zu einem überaus günstigen Gesamturteil. Die Genialität dieses Herrschers zeigt sich am deutlichsten darin, daß er nicht nur jene Legierung zwischen Germanentum, Christentum und Antike wesentlich vervollkommnete und damit die Grundlage schuf für die Kultur des christlichen Abendlandes, sondern daß er nun diese Legierung auch in den Dienst der leiblichen, wirtschaftlichen, geistigen und seelischen Interessen seiner Völker stellte und damit ihr durch ihn sonst äußerlich gesichertes Leben auch innerlich bereicherte ..... " Endlich sei noch der Berliner Historiker Prof. Dr. Oncken, (in der "DNZ" 289 über die nationalen Werte der Geschichte -, vgl. auch Augustheft 1934 der "W.B.") erwähnt. "Der Stammesherzog", sagt er, "wird darum noch kein Nationalheld, auch wenn man ihm zuliebe die Stellung Karls des Großen entsprechend verdunkelt. Die deutsche Geschichte beruht nun einmal auf der doppelten Tatsache, daß Karl der Große die christlichen Bayern und die heidnischen Sachsen in das Frankenreich hineingezwungen und damit den Kreis der Stämme abgeschlossen hat, aus dem ein deutscher Staat erwachsen sollte. Damit steht er für alle Zeiten am Eingangstor deutscher Geschichte. Daß Karl die Sachsen mit entsetzlicher Härte unterwarf, ist zugegeben. Aber vergessen wir nicht, daß die getauften Sachsen im nächsten Menschenalter mit derselben blutigen Härte das Wendenland unterwarfen und den Zug nach Osten eröffneten. Denn auf diesen getauften Sachsen, unter denen wir auch Sohn und Enkel Widukinds begegnen (der Enkel hat bereits die Reliquien des heiligen Alexander von Rom nach Wildeshausen im Oldenburgischen übergeführt) - nicht etwa auf den heidnischen Sachsen - beruht die große Leistung der Kolonisation des slawischen Raumes jenseits der Elbe, und sie mußten sich von dem heidnischen Nordgermanentum gewaltsam abgelöst haben, um die Träger dieser historischen Mission werden zu können, während das heidnische Nordgermanentum, auf das Widukind sich immer gestützt hatte, noch lange die deutschen Küsten mit Mord und Brand heimsuchte. So war nun einmal die Zeit." - - - Nach alledem handelt sich's beim "Blutbad von Verden" also nicht um eine blutige Christianisierung, sondern - mit den heute üblichen Worten ausgedrückt - um eine politische Gleichschaltung, eine Zwangseingliederung. Wer aber unter unseren heutigen Verhältnissen Verständnis für zwangsweise Gleichschaltung hat, der sollte es wahrlich erst haben für die damalige Zeit mit ihren Methoden. Zumal es sich bei Karl um eine Maßregel handelt, die - wie nur irgendwie - vom dem Standpunkte "Alles für Deutschland!" als berechtigt anerkannt werden muß und die von der Geschichte rechtlich legitimiert worden ist. * In der alten Kaiserstadt wurde kürzlich die Festoktav Karls des Großen beschlossen. Gleichzeitig veranstalteten die Deutschgläubigen einen Vortragsabend über das Thema: "Karl der Große, Sachsenschlächter". Die Versammlung konnte am Tag nach der großen Karls-Huldigung stattfinden. Das "Echo der Gegenwart" hat zweifellos recht, wenn es folgendermaßen schreibt: "Hat man vergessen, daß einmal vor zehn Jahren die französischen Nachrichtenblätter plötzlich eine Geschichtsforschung trieben, die dieser heutigen deutschgläubigen zum Verzweifeln ähnlich sieht? Schon heute sind die Professoren der Pariser Sorbonne mit der Abfassung eines Werkes beschäftigt, in dem sie auf Grund einer Geschichtsbetrachtung, wie sie gestern auch als deutsch ausgegeben wurde, beweisen wollen, daß Charlemagne Franzose war und sein Reich französisch? Wissen die Deutschgläubigen, was das bedeutet? Das ist die literarische und wissenschaftliche Vorbereitung zu einer französischen Rheinoffensive, nicht mehr und nicht weniger." Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe März 1935 |