Bücher deutscher Geschichte: Ein neues Werk Ricarda Huchs

Ein neues Werk Ricarda Huchs: Römisches Reich deutscher Nation

Die leidenschaftliche Aktualisierung der Geschichtsbetrachtung und Darstellung, die sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat, bedarf keiner Erklärung; die Gegenwart hat das Recht, sich der Vergangenheit zu bemächtigen und in den von ihr überlieferten Ereignissen und Gestalten ihre Kämpfe auszutragen; freilich wird sie zu einer Entscheidung in diesen Kämpfen umso sicherer gelangen, je mehr sie die Vergangenheit achtet und einen Abstand von ihr bewahrt. Denn je mehr die Vergangenheit durch sich selber ist, umso mehr wird sie uns auch sein; sie ist nicht nur Spiegel unserer Not, sondern sie hat ihren eigenen Wert; und vielleicht ist dieser Wert doch das Größte, das sie uns zu sagen hat. Wer der Aktualisierung der Geschichtsbetrachtung ihre Aufgabe zuerkennt, darf nicht vergessen, daß sie auch ihre Grenze hat; denn die Geschichte liefert nicht nur die Ausdrucksformen für die Diskussionen des Tages, und wer allein diese in ihr sucht, der wird die Geschichte kaum erfassen. Eben auf das, was in ihr gesucht wird, kommt es an; denn es ist ja gewiß, daß eine jede Fragestellung und selbst die Wahl des Themas von der Zeit eingegeben werden; ob aber nur das Echo der Zeit, ob das Wesen des Vergangenen selbst gesucht wird; das ist das Entscheidende.

Es wird, wie zu hoffen ist, neben den Werken, die unmittelbar der Gegenwart dienen, immer solche geben, die das Vergangene nach seinem Wesen darstellen wollen und damit der Zeit statt der Antwort auf ihre hastigen Fragen Bedeutsameres geben: Lebenswerte, Substanz. Solche Werke, wenn sie nur Rang haben, sind nicht zeitfremd; auch in ihnen spricht die Zeit und vielleicht sogar ihr Tiefstes; wie denn ohnehin keine Leistung von Bedeutung zeitfremd ist oder sein kann; denn die Geschichte, deren Entscheidungen sich in den Werken des Geistes ankündigen und vorbereiten, verzichtet niemals auf den Einsatz einer vorhandenen großen geistigen Kraft.

Das dem "Römischen Reich deutscher Nation" gewidmete Werk Ricarda Huchs (Atlantis-Verlag, Berlin), von dem wir eine Leseprobe in dieser Nummer bringen, gehört zu den wenigen Büchern, die in der Tat die Lebenswerte, die Substanz, vermehren, weil es der Zeit nicht unmittelbar dient, sondern dem Phänomen des Alten Reiches, dessen Ergründung und Nachgestaltung es sich zur Aufgabe macht. Das Buch ist nicht in dem Maße Darstellung wie Schäfers "Dreizehn Bücher"; es steht der Geschichtsschreibung schon näher als dichterische Gestaltung, einer sehr unabhängigen und gelassenen Geschichtsschreibung freilich, die Vorgänge, Gestaltenfolgen und Lebensgebiete in geschlossene Schilderungen zusammendrängt, ohne daß dadurch der ruhige Strom geschichtlichen Geschehens im Vortrag zum Stillstand käme. Von hoher dichterischer Kraft gestaltete Bilder, wie etwa des Klosters Reichenau, mittelalterlicher Städte und Kirchen, die Bildnisse der Kaiser von Karl dem Großen bis zu Sigismund, die beide eine durchaus gerechte Würdigung erfahren, der Kanzler und ritterlichen Führer, der Bischöfe münden in die Erzählung ein, die nicht durch sich selber glänzen, sondern allein das alte Reich in seiner Fülle und "alles durchdringenden Beseeltheit" aufleuchten lassen will und dies in der Tat auch erreicht. Das große Städtewerk der Dichterin mutet wie eine Vorarbeit zu diesem Werke an; dieser Vorarbeit verdankt die Darstellung des Reichs den einzigartigen Reichtum der Farben und Bilder, kostbarer Einzelzüge, die tiefe Vertrautheit mit allem, was nur deutsches Leben genannt werden kann, mochte dieses sich nun an berühmten geschichtlichen Stätten oder in Grenzgebieten und selbst im Verborgenen abgespielt haben. Vielleicht aber war nicht nur das Städtewerk als Vorarbeit nötig, sondern - von einigen Ausläufern abgesehen - fast das ganze Lebenswerk der Dichterin, das keine andere Krönung finden konnte als diese episch abgeklärte Erzählung vom Reich, seiner Größe und Tragik.

Die meisten neueren Darstellungen des Alten Reiches leiden daran, daß sie modern-nationalistische Gedanken mit einem Phänomen zu verbinden suchen, das mit allen seinen Kräften das Gegensätzliche vereinen, die Grenzen durchdringen wollte und in diesem Sinne "römisch" war. Es können aber nur einzelne, im Reiche treibende Kräfte erfaßt werden, niemals das Reich selbst. Den Kaisern konnte es nicht darum zu tun sein, ihre Stammlande in Blüte zu erhalten; sie hatten eine universale Aufgabe und ihr gegenüber keine Wahl. Nur dadurch ist es zu erklären, daß alle großen Kaiser, mochten sie nun aus fränkischem, sächsischem oder schwäbischem Stamm hervorgegangen sein, denselben Zielen folgten. Ricarda Huch vermeidet jede Verengung und Vergewaltigung der großen Lebensform, indem sie von der Einsicht in die Tragik des Reiches ausgeht und immer wieder zu ihr zurückkehrt; die Kaiser suchten "das Unmögliche zu verwirklichen", aber eben dieses Unmögliche war eine Notwendigkeit. Und darin, daß sie es versuchten, liegt auch ihre Rechtfertigung; denn "nicht das ist ja das Höchste, daß eine dauernde Ordnung entsteht, die dem Volke Wohlstand und ruhiges Gedeihen gewährt, ... sondern, daß große Gedanken das Gemüt des Volkes bewegen, an denen es wachsen, für die es sich einsetzen kann". Auf diese Weise wird auch dem Papst sein Recht in diesem Werke, von dem man gewiß nicht sagen kann, daß es sich dem Dogma unterstelle; aber auch für den Papst bestand in religiöser wie in politischer Hinsicht eine undurchbrechliche Notwendigkeit; er war, schon weil er in Rom residierte, der "Nachfolger Cäsars"; und gerade als solcher litt er an einem furchtbaren Widerspruch; denn dieser Nachfolger Cäsars konnte, dem Glauben zufolge, den er vertrat, das Schwert nicht führen, während er doch der Macht verpflichtet blieb und sie mit den ihm verbliebenen Mitteln erhalten mußte.

Diese Grundhaltung scheint uns die einzige zu sein, von der aus eine Darstellung des Reiches überhaupt gelingen kann. Hier ist sie gelungen. Das Dunkel des Nordens, in dem die wilden Königsgestalten erdämmern, die östliche, von Rittern und Bauern bevölkerte Landschaft, die Küste, von der die Kauffahrer ausziehen, die Klöster, in denen Germanisches mit Christlichem verschmilzt, die anwachsenden Städte des Innern, in denen neue Ideale sich formen, die Kaiser des "mittäglichen Glanzes", Barbarossa, und dann Friedrich II., der in der Bewertung eine sehr beachtenswerte Einschränkung erfährt, aber auch die letzten Herrscher, die an die Peripherie gedrängt werden und von hier aus noch einmal versuchen, die Mitte zu gewinnen, Karl IV. und Sigismund; und endlich der Verfall: das Erlöschen der inneren Glaubensglut, das langsame rätselhafte Verblassen der ordnenden Bilder: dies alles wird in dem Werke auf überzeugende Weise Erscheinung. Der Vortrag ist leidenschaftslos und doch von tiefen und zuweilen schmerzlichen Erfahrungen getönt; das große, uns vielfach entrückte, zuweilen fast nicht mehr verständliche Schicksal des Alten Reiches hat in dem Werke Ricarda Huchs einen ihm angemessenen Ausdruck gefunden. Nicht die Macht, sondern der Glaube steht im Brennpunkt der Darstellung; diese Wertsetzung könnte uns fremdartig erscheinen; aber gerade sie war unser Schicksal und entspricht dem Wesen des Reichs und endgültig des Deutschen. R. Sch.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Februar 1935

   
 
 
 
 
 
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