Bücher der Geschichte: Philosophie und Glaube

Philosophie und Glaube. Von Heinz Zimmermann. (Dunker und Humblot, München, 145 S.)

Diese Schrift ist der Versöhnung des tiefen, aber keineswegs unüberwindlichen Gegensatzes gewidmet, der im Titel beschlossen ist. Dieser Gegensatz ist weit eher geschichtlicher Art, das heißt von sich wandelnden Umständen und Denkweisen bestimmt, als ursächlich; die Versöhnung scheint freilich auch Heinz Zimmermann nur möglich nach dem Eingeständnis der "Schuld der Philosophie": sie besteht seines Erachtens darin, daß die Philosophie den "Funken des Göttlichen" (in dem ringenden menschlichen Geschöpf), der eimpfangen sein muß, nicht erkannt und über ihren Gedankenkünstelungen gänzlich vernachlässigt" habe. Aus der Einsicht in diese Schuld erwächst die Aufgabe "mit philosophischen Mitteln den verbindenden Weg von Schutt zu befreien." Zimmermann vermißt sich nicht, den Glauben erwecken zu wollen, der, wie er wiederholt betont, ein Geschenk der Gnade bleibt; aber er möchte die Hindernisse wegräumen, die das philosophische Denken vom Glauben trennen und es oft genug zu seiner feindlichen Kritik der Glaubensinhalte verleitet haben.

Der Weg, den Zimmermann unter ausdrücklicher Ablehnung eines voraussetzungslosen Philosophierens beschreitet, ist eigenartig und neu. Sein Ausgangspunkt liegt weder in der Erkenntnis der gegenständlichen Welt noch im Glauben, sondern dazwischen, in der Voransetzung der Verbindung, die als Grundlage einer jeden Gewißheit aufgefaßt wird. Wie ohne Verbindung vom Ich zum Ich keine Mitteilung, kein gemeinsames Wissen, keine Wissenschaft möglich wäre, so steht das Ich auch über sich hinaus in verbindenden Beziehungen kraft der dem Denken des Menschen innewohnenden Richtung vom Besonderen und Einzelnen ins Allgemeine. So werden über der gegenständlichen Gewißheit, auf der die Geltung der "zweifelsfreien Festigkeit der gegenständlichen Welt" beruht, die "Reiche" des Guten, Schönen, Sittlichen aufgezeigt, deren Gewißheit nicht minder zweifelsfrei ist, bis zu dem Reiche höchster Verbundenheit, dem Reiche des Religiösen. Nicht auf eine Systematisierung des Seins, sondern auf die Architektonik der Verbindung kommt es dem Verfasser an; seine "Philosophie der Verbindung" ist die Selbstbesinnung des Denkens, die sich ebenso scharf vom Materialismus wie vom Idealismus scheidet. Während der Materialismus sich an die gegenständliche Welt hielt und durch das Denken vom Gegenständlichen her furchtbare Verwirrung in den übergeordneten Reichen anrichtete, band sich der Idealismus auf eine einseitige Weise an die geistige Welt, ja nur an einzelne Gewißheiten dieser Welt, um von dort die Totalität der Schöpfung (der Geltung aller unserer Gewißheiten) zu verleugnen. Dem gegenüber bemüht sich die Philosophie der Verbindung um die ganze Ordnung der auf den waltenden Verbindungen begründeten Geltungen; sie ist gekennzeichnet durch eine Richtung des Denkens, "die sich unter der Spannung allgemeinster Geltung zur Grenze des Verbindungslosen vollzieht." Die Spitze des Weltgebäudes bildet die reine Geltung reiner Verbindung, von der herab die Spannung bis zur untersten Grenze des Geltungslosen reicht; diese Grenze liegt jenseits des Begreifbaren und Bedingten: "aus dem reinen Unbegreiflichen leuchtet, allen Inhalt empfangenden Wissens umfassend, der Name Gottes." Im Wissen um Christus aber ist dem Menschen "in reiner Umbegreiflichkeit" die Verbindung von Gott und Menschenwesen geschenkt; für die Gottmenschlichkeit Christi "gibt es angesichts der Erlösung keinen anderen Namen als den der Verbindung". So wird auf der höchsten Höhe der Gewißheiten, an der Schwelle des Glaubens, der dennoch nicht erzwungen werden kann, sondern geschenkt werden muß, der höchste Gehalt des Verbindungsgedankens "in der Verbindung des Unbedingten mit dem denkbar Begreifbaren" erfaßt; in Christus ist das Bedingte mit dem Unbedinten verbunden; in der "einen heiligen Kirche", die er gestiftet, ist der Mensch mit Gott, in den Sakramenten, die er eingesetzt, ist das sichtbare Zeichen mit dem unbegreiflichen Gehalt verbunden. Die Stellung zu diesem Gedankengebäude, das wir nur in Umrissen nachzuzeichnen wagen, wird von dem Verhältnis zu seiner Grundlage, der Voransetzung der Verbindung bestimmt. Daß sie in erster Linie selbst als eine Tatsache schon wieder Voraussetzungen hat, die nicht mehr untersucht werden, wohl aber immer wieder zur Untersuchung reizen dürften, ist wohl ebenso offenbar, wie daß der Gedanke der Verbindung schon sehr hohe Inhalte einführt, deren Entwicklung sich als außerordentlich fruchtbare erweisen muß. Der Verfasser hat mit seinem Buche die Aufgabe gelöst, die er sich selbst vor einiger Zeit in einem Aufsatz in den "Weißen Blättern" gestellt hat ("Die Aufklärung", Februar 37): die Vernunftaufklärung mit ihren eigenen Mitteln, mit Philosophie zu überwinden, oder, wie es im vorliegenden Buche heißt, durch das Denken selbst die Widerstände aufzuheben, "die aus dem Denken gegen den Glauben erwachsen sind." Wie durchaus positiv auch diese Selbstbesinnung des Denkens ist, die weder von den Gegenständen, sondern von den Grundlagen aller Gewißheit ausgeht und genau die Stelle erreicht, wo der Begnadete weitergeführt wird, so bedarf doch auch ihre kritische Haltung einer Hervorhebung, handelt es sich doch um echte Kritik, die eine einfache Folge höherer Einsicht ist: in den klaren und knappen Nachweis der Irrtümer des Materialismus wie des Idealismus und ihrer Nachfahren möchten wir ein besonderes Verdienst des gehaltvollen Buches sehen. R. Sch.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Juli 1939

   
 
 
 
 
 
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